21 In Lifestyle/ Personal/ Talk About

{ Talk About } Ich habe meine Kreativität verloren

{ Talk About } Ich habe meine Kreativität verloren

{ Talk About } Ich habe meine Kreativität verloren

Ich durchforste ein altes Festplatten-Backup nach einer versehentlich gelöschten Datei und stoße dabei auf ein längst vergessenes Textdokument. Es trägt den Namen Titellos. Stammt die Datei wirklich von mir? Ich kann mich nicht an ihren Inhalt erinnern. Trotzdem entschließe ich mich, nach kurzem Zögern, einen Doppeklick auf das kleine Stift-Symbol auszuführen. Die Neugier hat mich nun gepackt und lässt kribbelnde Erwartung in mir aufsteigen. Hinter dem Dokument verbirgt sich der Anfang einer Geschichte, die mir vor Jahren im Kopf umherschwirrte und welche ich unbedingt niederschreiben wollte. Titellos umfasst nur eine knappe Seite und endet mitten im Satz. Dennoch strotzen die Zeilen vor Motivation und Euphorie. Es sind die Worte eines vierzehnjährigen Mädchens, dessen Kopf voller Ideen ist und Herz sich nach spannenden Abenteuern sehnt. Ihr Schreibstil ist in Anbetracht ihres jungen Alters ungewöhnlich flüssig, sehr bildlich gesprochen und üppig augeschmückt. Manche Absätze wirken ein wenig gezwungen, doch das Mädchen hat ohne Zweifel Talent!

Im Anhang der Geschichte befindet sich zudem eine Art Manuskript mit Notizen zur Story und groben Skizzierungen der handelnden Charaktere. Die Idee ist gut. Sie hätte es verdient fortgesetzt zu werden. Ich versuche einen Satz zu tippen und obwohl ich, dank der detaillierten Anhaltspunkte, sofort bunte, lebhafte Bilder vor Augen habe, gelingt es mir nicht. Der Cursor blinkt aufgeregt, doch nichts geschieht. Eine leere weiße Seite blickt mich vorwurfsvoll an. Die Buchstaben auf der Tastatur scheinen mich für meine Unfähigkeit zu verspotten. „Was ist los? Hast du das Schreiben verlernt?“, fragen sie mich mit schallendem Gelächter. Ich schließe das Textdokument. Frustration erfüllt mich.

Ich kann mich nicht mit der fantasievollen Welt dieser Person, die einst ich war, indentifizieren. Sie ist mir völlig fremd. Zugleich frage ich mich, ob das überhaupt sein kann. In einem weiteren Ordner stoße ich auf mehr Textdateien. Eine Kurzgeschichte zu Weihnachten, ein Gedicht für einen Wettbewerb, 25 Seiten eines Mysterythrillers. Während ich mich durch meine einstigen Ideen scrolle und in Nostalgie versinke, beschleicht mich ein unangenehmes Gefühl. Bahnt sich den Weg in mein Bewusstsein.

Ich habe meine Kreativität verloren. 

Der Gedanke trifft mich hart. Er gibt mir einen schmerzhaften Stich, erschreckt mich zutiefst. Doch wie ist es sonst möglich, dass meine jüngere Version voller Tatendrang Geschichten auf ihrer Tastatur tippte, während ich heute keinen einzigen vernünftigen Satz zu Papier bringe? Kann man soetwas wirklich verlernen? Zwar habe ich noch nie eine Story beendet, jedoch kamen die packenden Plots damals wie von selbst. Sie flogen mir buchstäblich zu! Nun herrscht in meinem Kopf eine fiese Blockade, die ich mittlerweile irgendwie akzeptiert habe. Dabei war es immer mein Traum, irgendwann ein Buch zu veröffentlichen. Damals habe ich mich nicht getraut, anderen meine Arbeiten zu zeigen. Nun steht mir die fehlende Inspiration im Weg.

Ich muss mir eingestehen, dass das Bloggen die Kreativität nicht so stark fördert, wie ich bisher immer angenommen habe. Nicht nur was das Schreiben fiktiver Erzählungen angeht, sondern auch bei der Bildbearbeitung etc. Bevor ich Coralinart gestartet habe, liebte ich es mit Photoshop zu experimentieren und mich an Fotomontagen zu versuchen. Über die Jahre hat sich jedoch eine gewisse Routine eingebürgert, die ich nur schwer wieder abschütteln kann. Meine Bilder bearbeite ich immer nach dem gleichen Schema, den Texten fehlt manchmal die Fantasie. Weniger ist mehr, sage ich mir.

Bisher ist mir diese schleichende Veränderung tatsächlich nie aufgefallen, doch der Anblick meiner alten Projekte und Texte führt mir vor Augen, dass mehr in mir steckt. Es ruft mir wieder ins Bewusstsein, wie es sich anfühlt, ein eigenes Universum zu erschaffen und über das Schicksal seiner Bewohner zu entschieden. Wie es ist, dieses süße Vergnügen zu verspüren, sobald mir ein unerwarteter Plottwist in den Sinn kommt.

Ich öffne ein leeres Pages-Dokument und beginne mit dem Tippen.

Vielleicht habe ich meine Kreativität doch nicht gänzlich verloren. 

You Might Also Like

21 Comments

  • Reply
    Kerstin
    Januar 23, 2016 at 6:40 pm

    Super schöner Text. Ich würde mich aber auch über fiktive Kurzgeschichten und mal anders bearbeitete Bilder freuen. Vielleicht wäre das ja eine Idee für eine (monatliche) Beitrags-reihe?

    Love, kerstin
    http://www.missgetaway.com/

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 5:51 pm

      Dankeschön! 🙂 Das ist tatsächlich gar keine so schlechte Idee. Ich werde mir vielleicht mal überlegen, wie man ein solches Feature eventuell umsetzen könnte.

  • Reply
    Ines
    Januar 23, 2016 at 7:22 pm

    Vielen Dank für diesen Text. Du sprichst mir aus dem Herzen… Mir ist es auch schon aufgefallen, dass mir die Kreativität abhanden gekommen ist – oder besser:sich irgendwo in mir versteckt, tief unter Alltagsverpflichtungen und „machmalswasgescheitesindeinemleben“. Bin auch gerade dabei nach und nach die Kreativität wieder an die Oberfläche zu holen, denn ich merke, dass es mir sehr viel besser geht, wenn ich kreativ sein kann – egal ob schreiben, malen, zeichnen, basteln etc.

    Also bitte nicht aufgeben!

    Liebe Grüße
    Ines

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 6:02 pm

      Ich bin froh, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ergeht. Manchmal frage ich mich ernsthaft, ob man das kreative Schreiben verlernen kann. Denn selbst wenn ich ein paar Zeilen tippe, bringe ich nichts Vernünftiges zustande. Ich komme mir so fürchterlich eingerostet vor! Hoffentlich habe ich bald die zündende Idee, bei der das Schreiben so richtig flutscht.

  • Reply
    Tabea
    Januar 23, 2016 at 8:45 pm

    Freut mich, dass du wieder versuchst du schreiben und an deine Kreativität glaubst!
    Bei mir hat sich bei der Bildbearbeitung auch eine Routine eingestellt, obwohl ich früher stundenlang experimentiert habe (was meist eher komisch und ungewöhnlich wurde :D).
    Danke für die Anregung, vielleicht schreibe ich eine meiner alten Geschichten ja demnächst auch mal weiter.
    Liebe Grüße

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 6:18 pm

      Früher habe ich echt so gerne mit Bildern experimentiert. Teilweise waren die Ergebnisse zwar total kitschig und einfach too much. Hat dafür aber mega Spaß gemacht! Heutzutage will das natürlich keiner mehr sehen, weswegen ich die meisten Fotos nur noch ganz dezent bearbeite.

  • Reply
    Manon
    Januar 23, 2016 at 11:01 pm

    Ich kenne das Gefühl. Ich hab für mich die Entscheidung getroffen auf mein Herz zu hören. das Bloggen war nicht meins. Ich habe unter ganz anderen Umständen mit dem Bloggen angefangen: mein Geschriebenes. Also habe ich das Bloggen aufgehört und meine Zeit widme ich für meine Geschichten. Die ist mir viel wertvoller als Zeit für Menschen da draußen zu verschwenden. Meine Fantasie ist meine Kreativität, das Schreiben meine Leidenschaft – darin haben seriöse Texte über Produkte oder journalistische Texte über Mode und Fashion Weeks einfach keinen Platz. Als Kind ist man noch so sehr in der Entwicklungsphase und hat erstaunlich viel Zeit dafür. mittlerweile werde ich erwachsen, ich weiß wer ich bin, ich weiß, was ich will und was ich nicht will. Das bremst die Neugierde, weil man vieles schon kennt. Ich lese auch nicht mehr viele Blogs, weil alle dasselbe erzählen.

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 6:38 pm

      Ich persönlich liebe das Bloggen und würde es mittlerweile nicht mehr missen wollen. Mein Blog ist mir sehr wichtig, da ich schon so viel Zeit und Herzblut investiert habe. Außerdem macht es mir noch immer unheimlich viel Spaß, über Lifestylethemen wie DIY oder Beauty zu schreiben! Trotzdem hätte ich manchmal gerne mehr Zeit für andere Dinge, wie beispielsweise das Schreiben von Geschichten. Leider kommen diese kreativen Tätigkeiten im Alltag oft zu kurz und gehen irgendwann gänzlich unter. Ich habe ziemlich viele verschiedene Interessen, die allerdings nicht immer unter einen Hut zu bekommen sind.

      • Reply
        Manon
        Januar 28, 2016 at 10:47 am

        Jeder wie er mag (: richtig, man hat viele verschiedene Interessen, die allerdings nicht immer unter einen Hut zu bekommen sind. Also habe ich mich für das Schreiben und gegen das Bloggen entschieden.

  • Reply
    Isabella
    Januar 24, 2016 at 12:22 am

    Kennst du das, wenn man ein Lied hört und sofort denkt: „Woher weiß der/die Sänger/in was ich gerade denke?“ So geht es mir gerade mit deinem Post. Ich habe auf meiner Festplatte ein über 30-seitiges Dokument mit einer fast fertig gestellten Geschichte – aus dem Jahr 2007. Und ich habe das Gefühl, dass ich trotz vieler Ideen, das schöne Schreiben verlernt habe. Mit Fotocollagen usw. geht es mir ebenso wie dir. Fehlt vielleicht mittlerweile einfach die Ruhe dafür? Ist man von vorne hinein zu selbstkritisch, als einfach drauf los zu schreiben?

    Liebe Grüße
    Isabella

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 6:53 pm

      Ja, das kenne ich tatsächlich! Ich freue mich sehr, dass euch der Beitrag anspricht und finde es interessant, eure Erfahrungen und Gedanken zum Thema zu hören. Ab und zu lese ich meine alten Texte ebenfalls gerne und werde ganz nostalgisch. Ich glaube, mein Problem ist einfach, dass mir eine richtig gute und spannende Idee für eine Geschichte fehlt. Der Anfang ist immer das Schwierigste.

  • Reply
    Jana
    Januar 24, 2016 at 10:57 am

    Wow! Einfach nur wow! Alleine dieser freie Text ist so grandios geschrieben, dass ich ganz gefesselt war. Wollte mehr über „dieses Dokument von einem Mädchen“ wissen und wusste letztendlich doch schon, dass du damit gemeint warst. Du kannst so herrlich formulieren und ich hoffe, dass du dadurch deine Kreativität und ganz viele tolle Ideen zurückgewonnen hast. Dir sozusagen die Blockade von der Seele geschrieben hast. Und du lässt uns ganz vielleicht mal in deine neuen (Kurz)Geschichten blicken 😉
    <3

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 7:08 pm

      Danke, danke, danke! Deine lieben Worte bedeuten mir echt unheimlich viel und ich werde mein Bestes geben, um wieder kreativer zu werden. Es war jedenfalls ein guter erster Schritt darüber zu schreiben, da ich dadurch bemerkt habe, wie viel in mir steckt. 🙂

  • Reply
    Fredi
    Januar 24, 2016 at 12:55 pm

    Du beschreibst eine Situation, die ich exakt so vor einiger Zeit erlebt habe! Eine vor Jahren angefangene Geschichte, mit Ideen, Notizen – aber jeder Satz, den ich im Nachhinein dazu schreiben wollte klang zu gewollt und passte nicht zum Rest. Aber ich liebe es, die alten Geschichten zu lesen und habe auch nicht den Mut verloren, dass es irgendwann wieder so geht wie früher – einfach so! 🙂
    Liebe Grüße, Fredi

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 7:17 pm

      Im ersten Moment fühlt man sich ziemlich unfähig, nicht wahr? Zumindest ging es mir so, als ich versucht habe meine alte Geschichte fortzusetzen. Irgendwie klang alles so gezwungen und irgendwann habe ich frustriert aufgegeben und alles gelöscht. Allerdings habe ich nun neuen Mut gefasst und möchte meine Blockade bekämpfen! 🙂

  • Reply
    vonKarin
    Januar 24, 2016 at 6:33 pm

    Liebe Carolin … noch ist nicht aller Tage Abend und es steht DIR immer offen, die Situation zu ändern.
    Weg mit der Routine, lass wieder mehr Kreativität zu und denke nicht daran, ob und wie es anderen gefallen könnte…. denn es kommt auf DICH an. Wirst sehen, dann kommt der Schub wieder von ganz alleine.
    Wichtig ist schon mal, dass du erkannt hast, dass (dir) etwas fehlt.
    Ich drück dir die Daumen!
    Herzlichst
    vonKarin

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2016 at 7:25 pm

      Danke für diese aufmunternden Worte, die mich dazu motivieren, das Thema Schreibblockade endlich anzupacken und wieder so kreativ wie früher zu werden! 🙂

  • Reply
    Nerique
    Januar 24, 2016 at 8:49 pm

    Wirklich toll geschrieben, liebe Carolin!

    Nerique

  • Reply
    Franzy vom Schlüssel zum Glück
    Januar 25, 2016 at 3:28 pm

    Hey Caro,

    ich weiß genau, wie es dir geht.. denke mir so oft: Gott, früher warst du kreativer.
    Ich glaube das macht das gezwungene.. egal ob im Job oder auf dem Blog: im Grunde wird nur gefordert… ich MUSS kreativ sein.
    Da liegt die Frage nahe: wie soll das eigentlich gehen?
    Ideen sollten einem doch zufliegen?
    Ich sollte nicht 2 stunden darüber grübeln as ich zu Fasching poste *seufz*
    traurig..
    ich hab mir ein Malbuch bestellt..
    ich hoffe das hilft mir wieder spielerischer mit Farben umzugehen.. wäre zumindest ein Anfang…

    Viele liebe Grüße

    Franzy

  • Reply
    Claudia
    Januar 26, 2016 at 5:52 pm

    Ein sehr schöner Text. Ich habe früher viele Lyrics geschrieben, mache das mittlerweile aber gar nicht mehr, weil ich so lange Zeit einfach keine Zeit dafür hatte. Mittlerweile frage ich mich auch, ob ich da noch was Vernünftiges schreiben kann.

  • Reply
    Frauke ... it's me!
    Februar 6, 2016 at 11:00 pm

    Meine Deutschlehrerin hat fest an mein Talent geglaubt, war fest davon überzeugt, dass ich später mein Geld mit Worten verdienen würde. Über die Jahre sind mir die eigenen Texte abhanden gekommen, geblieben sind aber immer die Bücher. Auf dem Weg zu mir zurück (ich bin noch lange nicht angekommen) habe ich mit dem bloggen begonnen. Zuerst eckig, wortkarg und holprig, noch nicht ich selbst. Aber es ist immer besser gewo, die Freude am Schreiben kommt mit jedem Post zurück. Möglicherweise hat meine Lehrerin nicht umsonst ganz fest an mich geglaubt – wer weiß?

    Ich wünsche dir, dass die Worte zu dir zurückkehren, dass sie dir wieder kreative Freude bereiten.
    Hab Dank für deine ehrlichen Worte, für diesen Post!

    Herzliche Grüße … Frauke

  • Leave a Reply