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Und plötzlich ist sie erwachsen

Und plötzlich ist sie erwachsen

Und plötzlich ist sie erwachsen

Sie ist 7 Jahre jung, trägt die geliebte Puppe im Arm. Ihre beste Freundin, ihre treueste Begleiterin. Nie würde sie ihre hübschen Puppen vernachlässigen, einsam in der Ecke sitzen lassen. Ja, sie sind nur aus Plastik. Leblos. Doch für ihr kleines Mädchenherz bedeuten diese, scheinbar toten, Gegenstände die Welt.

„Pass‘ auf, eines Tages magst du keine Puppen mehr haben“, sagen sie. Entsetzen. Ungläubigkeit. Sie reißt die großen blauen Augen weit auf und entgegnet, voller Verachtung in der kindlichen Stimme: „Das wird niemals geschehen!“ Und sie ist überzeugt davon. Das kleine Mädchen glaubt fest an ihre Worte.

Sie ist 12, nicht mehr klein und noch nicht groß.

Immer öfter landen die Barbies im Regal, warten auf ein neues Outfit oder darauf, das glänzende lange Haar gekämmt zu bekommen. Es ist ein schleichender Prozess, als würde eine lange Freundschaft allmählich einschlafen. Schon bald denkt das Mädchen kaum noch an ihre kleinen Gefährtinnen.

Die vielen Abenteuer, die sie mit ihnen erlebt hat, erscheinen plötzlich unwirklich. Irgendwie kindisch. Es kommt der Tag, an dem sie alles in eine große Kiste packt. Die Puppen, die Kleider, das Haus. Ein letzter Blick, ein wehmütiges Gefühl. Und weg mit dem Kram.

Sie ist 14 und hat die Weisheit mit Löffeln gegessen.

Niemand kann ihr etwas sagen, denn egal worum es geht, sie weiß alles besser. Aber eigentlich hat sie keine Ahnung. Sie ist nun ein Teenager. Wild. Frech. Unbezwingbar und doch so verletzlich, denn tief im Inneren fühlt sie sich unsicher. Hin und wieder sogar ein wenig einsam. Dann träumt sie von der großen weiten Welt, von Abenteuern und der Liebe, die sie nur aus kitschigen Liebesromanen kennt. An den Wänden ihres Zimmers hängen zahlreiche Poster aus der Bravo. Abbildungen von Schauspielern, die sie anschmachtet und Stars, die sie bewundert. Sie chattet oft stundenlang mit Freunden, lacht über dämliche Insiderwitze und ist deprimiert, wenn niemand für sie Zeit hat. Das Leben ist seltsam, aber trotzdem schön.

Sie ist 19 Jahre und steht noch ganz am Anfang.

Ihr Zimmer ist ein einziges Chaos aus Büchern, Fotos und anderen Erinnerungen. Eine Ausmistaktion wäre dringend nötig. Ordnung muss her! Und Veränderung! Ja, Veränderung. Schon seit geraumer Zeit sehnt sie sich nach dem Unbekannten, möchte endlich etwas wagen. Durchstarten. Nicht träumen, sondern einfach handeln. Sie ist älter geworden, hat dazugelernt. Die Pubertät ist endlich überwunden. Hofft sie zumindest.

Mit den Fingernägeln versucht sie, den Tesafilm, welcher die letzten verbliebenen Poster im Zimmer hält, von der Tür zu lösen. Ein dumpfes „Ratsch“ ertönt, zurück bleibt nur ein kleiner Rest Klebestreifen. Die Poster – ein Lebensabschnitt – segeln zu Boden. Es ist schmerzhaft. Es ist schade. Es ist befreiend. Dort, wo jahrelang die posierenden Serienstars ihrer Jugend hingen, blickt ihr jetzt eine weiße Fläche entgegen. Strahlend. Erwartungsvoll. Es wird Zeit für Neues.

Und plötzlich ist sie erwachsen.

Der Prozess ist schleichend. Sie hat kaum Notiz davon genommen. Man wacht nicht eines Tages auf und sagt sich beim Blick in den Badezimmerspiegel „ab heute bin ich erwachsen“. Nein, es ist schwer in Worte zu fassen. Es sind die einzelnen Abschnitte, die Momente, Abschiede und Umbrüche, die dafür sorgen, dass man sich weiterentwickelt.

Manchmal fühlt sie sich allerdings noch immer wie das kleine Mädchen von damals, das ihre Puppen niemals aufgeben wollte. In diesen Momenten bezweifelt sie, dass man jemals ganz erwachsen werden kann.

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12 Comments

  • Reply
    Jenni
    Januar 16, 2017 at 8:19 am

    Liebe Carolin!

    Ein wunderbarer Artikel – sowohl vom Inhalt als auch vom Schreibstil her!
    Langsam und poetisch bin ich durch den Text gewandert und ich habe mich wiedererkannt (wie vermutlich so viele Menschen) in diesen Worten.
    Ich finde den Rückblick auf die eigene Entwicklung immer sowohl ein wenig traurig-melancholisch als auch freudig-erwartungsvoll (weil ein Rückblick ja auch immer eine Relativierung der Gegenwart und vielleicht auch der Zukunft bzw. der Hoffnungen auf die Zukunft ist) und finde, du hast das in deinem Text wunderbar eingefangen.

    Danke dir für diese schönen Worte!

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply
      Carolin
      Januar 16, 2017 at 7:48 pm

      Tausend Dank für deine lieben Worte, Jenni! 🙂 Ich freue mich sehr, dass dir mein Text gefällt! Die Worte sind einfach so aus mir herausgesprudelt. In Zukunft möchte ich gerne mehr Posts dieser Art veröffentlichen.

  • Reply
    Neri von Lebenslaunen
    Januar 16, 2017 at 7:23 pm

    Wow, wow, wow! Wunderschön geschrieben!

    Neri von Lebenslaunen

    • Reply
      Carolin
      Januar 16, 2017 at 7:50 pm

      Vielen Dank! 🙂

  • Reply
    Jana
    Januar 16, 2017 at 7:47 pm

    Wahnsinnig schön geschrieben, meine Liebe 🙂
    Ist das etwas Persönliches oder etwas Ausgedachtes? 😉

    • Reply
      Carolin
      Januar 16, 2017 at 7:52 pm

      Danke, Jana! 🙂 Der Beitrag hat durchaus Bezug zur Realität. 😉

  • Reply
    Tabea
    Januar 17, 2017 at 7:36 am

    Da hast du echt einen wundervollen Text geschrieben! Ich kann dir nur zustimmen: all diese Umbrüche sind so schleichend, aber eben doch irgendwie da. Und bei mir es gerade auch so, dass ich gar nicht weiß, ob ich noch „jung“ oder schon erwachsen bin.
    Immerhin wohne ich alleine, darf Auto fahren, verdiene eigenes Geld und entscheide selbst, wem ich wie viel meiner Zeit widme. Aber auf der anderen Seite hänge ich noch sehr an meiner Mama und fühle mich auch nicht besonders erfahren und erlebe noch viele alltägliche Dinge ganz anders als routinierte Erwachsene: jeder Einkauf fühlt sich merkwürdig an, alleine in den Urlaub fahren, Überweisungen machen… Alles noch was Besonderes.

    Liebe Grüße

    • Reply
      Carolin
      Januar 19, 2017 at 2:27 pm

      Danke für deinen lieben Kommentar! 🙂 Besonders viel Erfahrung in Sachen Finanzen, Bürokratiekram etc. habe ich zwar nicht, aber ich fühle mich teilweise auch schon total erwachsen und vernünftig. Und dann gibt es Momente, in denen ich trotzdem gerne wieder Kind wäre. Manchmal vermisse ich einfach die Zeit, als mein größtes Problem war, was ich mir zum Geburtstag wünschen soll. 😀

  • Reply
    Sarah
    Januar 17, 2017 at 11:05 am

    Sehr schön geschrieben liebe Carolin! Das kommt mir doch sehr bekannt vor und ich musste ein bisschen Trübsal blasen bei den ganzen Erinnerungen. So schnell verging die Zeit denke ich heute, damals war alles schmerzhaft lang. Barbies habe ich geliebt, auch heute noch finde ich sie toll. Aber eine kaufen? Nee, wofür? Nach der ersten Liebe dachte man man könnte nie wieder so empfinden. Oh man, was meine Eltern deswegen alles mit mir durch gemacht haben. :))

    • Reply
      Carolin
      Januar 19, 2017 at 2:46 pm

      Danke dir! 🙂 Ja, bei den ganzen Erinnerungen kann man manchmal schon arg melancholisch werden. Ab und an gehe ich beim Shoppen an der Spielzeugabteilung vorbei und denke mir, wie gerne ich auch nochmal was kaufen würde. 😀 Aber das wäre ja Blödsinn. Haha. Und ja, unsere Eltern müssen mit uns wirklich viel ertragen!

  • Reply
    Hannah
    Januar 24, 2017 at 12:09 pm

    Einfach ein wunderschöner Text – deine Worte treffen immer genau mein Herz. 🙂 <3

    Und das Foto ist auch klasse!

    Ganz liebe Grüße und hab noch einen wundervollen Tag, meine Liebe,
    deine Hannah
    <3

    • Reply
      Carolin
      Januar 24, 2017 at 10:57 pm

      Vielen, vielen, vielen Dank! <3 Das Foto ist allerdings ein Stock Image und somit nicht von mir.

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