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Von allem ein Bisschen

Von allem ein Bisschen

Die schwarze Linie wirkt auf dem weißen Untergrund einsam. Verloren. Ein bisschen deplatziert. Sorgfältig ziehe ich eine weitere, verbinde die Striche miteinander. Weiter und immer weiter, bis allmählich die flüchtige Silhouette eines Gesichtes zum Vorschein kommt. Das Ergebnis gefällt mir nicht. Es ist der klägliche Versuch, eine einfache Zeichnung umzusetzen. Frustriert wende ich mich ab.

Nein, das Bild ist nicht so schlimm, wie ich mir einrede, doch müsste ich es nicht besser können? Sollte eine angehende Grafikdesignerin nicht eigentlich in der Lage sein, einfache Ideen aufzuzeichnen? Skizzen anzufertigen, die nicht nach Kinderkritzelei aussehen?

„Du bist so talentiert“, sagen sie mir ständig. „Ich könnte das nicht.“

Mein Herz lächelt bei diesen Worten. Ich bedanke mich brav, senke den Blick, betone, dass es eigentlich keine große Sache ist. Da sind Zweifel, die ich nicht ausblenden kann. Sie sind stets präsent, sitzen mir unangenehm im Nacken. Wenn ich eine Idee habe und diese nicht genauso realisieren kann, wenn ich etwas schreiben will und die passenden Worte einfach nicht ihren Weg zu mir finden wollen. Frust. Enttäuschung. Haareraufen. Ich bin kritisch zu mir selbst. So sehr ich mich über liebe Komplimente freue, manchmal frage ich mich, ob sie berechtigt sind. Ob ich das Lob wirklich verdiene. Was kann ich denn auch?

Tatsächlich kann ich sehr viel.

Ich male – aber nicht besonders gut. Die missglückte Zeichnung ist der Beweis dafür.

Ich bin musikalisch – trotzdem schlummert keine Sängerin in mir. Meine Stimme ist zittrig und dünn.

Ich fotografiere – doch ein wahrer Profi werde ich vermutlich nie sein.

Ich kann alles. Und von allem ein Bisschen.

Ein wenig hier, ein wenig dort. Nichts davon richtig. Glaube mir, ich habe mich bemüht. Ich bemühe mich noch immer, übe jeden Tag. Nichts wünsche ich mir mehr, als endlich meine Nische zu finden. Eine Tätigkeit, die sich ganz natürlich anfühlt und mir zeigt, dass ich nicht nur eine von vielen bin. Ohne das lästige Gefühl, nicht alles geben zu können. Aber ist es überhaupt möglich, von Anfang an richtig gut in etwas zu sein? Eine Sache ganz intuitiv zu beherrschen? Diese Frage stelle ich mir immer wieder, während ich eine Skizze nach der anderen verwerfe.

Eines ist mir jedoch klar: Ich strebe nach mehr. Ich will nicht nur ein Bisschen.

Ein Bisschen ist niemals genug.

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3 Comments

  • Reply
    Neri von Lebenslaunen
    Februar 5, 2017 at 12:34 am

    Richtig toll geschrieben!!!

    Neri

  • Reply
    Carrie
    Februar 6, 2017 at 7:44 am

    Danke für deinen großartigen Beitrag meine Liebe
    http://carrieslifestyle.com

  • Reply
    Tabea
    Februar 6, 2017 at 8:23 pm

    Liebe Carolin,

    dieses Gefühl, nichts perfekt zu können und alles nicht gut genug, kenne ich leider nur zu gut.

    Ich kann zwar etwas zeichnen, aber meist bin ich trotzdem nicht zufrieden.
    Ich kann witzige Geschichten schreiben, aber meist gefallen sie mir trotzdem nicht so recht.
    Ich kann stricken – aber mache immer ein paar Fehlerchen im Muster.
    Ich kann nähen – aber die Nähte werden nie genau und gerade.
    Ich kann knipsen – aber nicht entsprehend meine Fotos bearbeiten.

    Und immer wieder nehme ich mir vor, mich mehr auf eins dieser Hobbies zu konzentrieren… und dann lasse ich es doch wieder schleifen. Und von daher solle ich dieses „alles ein bisschen“ wohl endlich mal akzeptieren… immerhin wird es dann nie langweilig 🙂

    Dennoch: Ich wünsche dir viel Erfolg auf der Suche! Irgendwann wirst du sicher in irgendwas total gut sein UND Spaß daran haben 🙂

    Liebe Grüße

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