Momente für die Ewigkeit

Tief einatmen.

In der Luft liegt heute dieser ganz besondere Geruch. Der Duft nach Spätsommer, wenn sich allmählich der Herbst ankündigt und die Sommermonate mit einer sanften Brise zu vertreiben versucht. Aber da ist noch etwas. Ein Hauch von Abenteuer erfüllt diesen Ort, gemischt mit der seltsamen Genugtuung, gerade ein besonders schönes Fleckchen Erde vor sich zu haben. Sie blickt in die Ferne, bewundert den einmaligen Anblick, der sich ihr hier gerade bietet. Florenz liegt ihr buchstäblich zu Füßen und aus dieser Perspektive erscheint die Stadt, diese wuselnde, scheinbar nie zur Ruhe kommende Metropole, plötzlich so klein. So unecht. Beinahe glaubt sie, lediglich ein Modell vor sich zu haben. Dort hinten ist Ponte Vecchio und da drüben glitzert die Domkuppel im Licht der untergehenden Sonne. Der Abend bricht herein und taucht alles, inklusive der großen, alten Pinien, in ein warmes Orange.

Magisch. Der Augenblick ist magisch.

Es war eine gute Idee, um diese Uhrzeit auf den Hügel zu kommen. Hier lassen sich alle Probleme und Zweifel für einen kurzen Augenblick völlig vergessen. Der Wind zieht an ihrem Shirt, doch sie rührt sich nicht von der Stelle und atmet stattdessen abermals tief ein. Ja, dort unten liegt Florenz, eingebettet von toskanischen Hügeln. Anmutig und jahrhundertealt. 

Die Welt gehört nur ihr.

Wegen solcher Momente liebt sie das Reisen. Nicht nur für die Kultur oder die unbekannten Orte. Am meisten Freude bereitet es ihr, sich zu fühlen, als wäre sie ein Teil von alldem. Kein Tourist, kein Fremder, kein Besucher auf der Durchreise. Viel wichtiger ist es ihr, ein Gefühl für die Länder und Städte zu entwickeln, die sie erkundet. Individuell. Unvergesslich.

Während sie auf der Piazzale Michelangelo steht und Menschen gehetzt mit Kameras oder Selfiesticks an ihr vorbeidrängen, könnte sie nicht entspannter sein. Die Abendsonne wärmt ihre nackten Arme, doch sie ist so glücklich, dass es ihr auch nichts ausmachen würde zu frieren.

Es war ein perfekter Urlaubstag, den sie wohl nie vergessen wird. Ganz besonders nicht, nachdem er über den Dächern von Florenz seinen krönenden Abschluss fand.

Tief einatmen. Dieser Moment ist für die Ewigkeit.

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Das erste Konzert.

Bereits seit Wochen freut sie sich auf diesen einen Abend, auf die Show ihrer Lieblingsband. Die Anfahrt zur Arena zog sich länger als gedacht, denn auf der Straße herrschte wie immer ein reges Treiben und Gedränge. Stau, eine Baustelle, irgendwann falsch abgebogen. Warum funktioniert die Navigation nicht? Trotz allem erreicht sie ihr Ziel pünktlich und betritt um 19:00 Uhr das Gebäude. Schon jetzt sitzt das Make-Up nicht mehr perfekt, aber es ist egal. Denn während sie beobachtet, wie sich die Ränge allmählich füllen und jeder Besucher darauf wartet, dass die Band zu spielen beginnt, fühlt sich ihr Magen an, als würden dort tausend Flummibälle auf und ab hüpfen.

Mein erstes Konzert, denkt sie mit Verwunderung. Verrückt. Es fühlt sich unwirklich an, dort oben zu sitzen und auf die Bühne zu blicken. All die Menschen, die sogar weit über ihr stehen und sitzen, geduldig ausharren oder sich so kurz vor Beginn noch schnell einen Snack gönnen.

Die Lichter gehen aus.
Auf den großen Bildschirmen wird ein Video eingespielt.
Und dann erklingt endlich die Musik, während ein euphorischer Aufschrei durchs Publikum jagt.

Im ersten Moment zuckt sie vor der Lautstärke zurück, sind ihre Ohren so viel Power doch kaum gewöhnt. Aber dieses Gefühl hält nur ein paar wenige Sekunden an, dann lehnt sie sich entspannt zurück. Der Bass erfüllt nun ihren ganzen Körper, schüttelt sie, auf eine gute Art, ordentlich durch. Der schmerzende Nacken von heute Mittag? Komplett vergessen! Mit jedem Song geht sie mehr und mehr in der Musik auf, wird eins mit dem Beat. Alle Hemmungen sind verschwunden, denn sie summt und singt nun gemeinsam mit der Menge – wenn auch nicht ganz so textsicher, wie das kreischende Mädchen hinter ihr, welches ihr zwei Stunden lang ununterbrochen ins Ohr schreit und alle Lyrics auswendig zu können scheint.

Obwohl es im Saal allmählich immer wärmer wird und sie dadurch völlig verschwitzt aussieht, könnte diese Tatsache gerade wohl kaum nebensächlicher sein. Adrenalin vibriert im Takt der Musik durch ihre Adern. Die Band stimmt einen rockigen Titel an. Es scheint als würde der Boden beben.

Dieser Abend ist eine große Party!

Die Wangen gerötet, die Augen leuchtend vor Aufregung ist sie wie elektrisiert von so vielen neuen Eindrücken. Als schließlich ein langsames Stück gespielt wird, erhebt sich im Publikum ein Meer aus Lichtern und bei diesem Anblick läuft ihr plötzlich ein angenehmer Schauer über den Rücken. Es ist wunderschön, überwältigend, ein Moment für die Ewigkeit.

Noch nie in ihrem Leben hat sie sich so gut gefühlt, so lebendig. Als wäre alles möglich. Hier ist sie also: in einer Konzertarena mit 18.000 Menschen, geblendet von bunten Lichtern und zugeschüttet mit Konfetti, um ihre Lieblingsband zu feiern. Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Immer wieder dieser Gedanke. Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Das kann nicht sein! Jemand muss mich zwicken!

Doch es stimmt. Sie träumt nicht.

Am Ende geht das Konzert viel zu schnell zu Ende. Unter Applaus verlässt die Band die Bühne. Alles erhebt sich, drängt zum Ausgang und sie ist mittendrin. Ein breites Grinsen im Gesicht macht sie sich wenig später auf den Nachhauseweg. Es ist 1 Uhr nachts, doch sie ist hellwach, gar aufgedreht, muss die letzten Stunden erst noch verarbeiten. Können wir das bitte sofort wiederholen?, geht es ihr durch den Kopf, als sie, zuhause angekommen, schließlich erschöpft aber glücklich in die Kissen sinkt. Mit einem Song im Ohr und lebhaften Bildern vor ihrem inneren Auge gleitet sie in den Schlaf.

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Sie begrüßen sich mit einem herzlichen Lächeln.

Seit Monaten hat sie ihre Freundin nicht mehr gesehen. Über Whatsapp standen sie zwar ständig in Kontakt, doch ein paar Buchstaben und Sprachmemos werden ein richtiges Gespräch und die Vorfreude darüber, sich endlich von Angesicht zu Angesicht über alle Geschehnisse der letzten Zeit auszutauschen niemals ersetzen können. Als sie sich nun gegenüber sitzen ist es fast so, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen. Sie kichern viel, wissen kaum, wo sie mit dem Erzählen beginnen sollen. In der Zwischenzeit ist einiges passiert, aber es fällt nicht schwer, nahtlos an das letzte Treffen anzuknüpfen. Allmählich wird ihr klar, wie sehr sie ihre Freundin tatsächlich vermisst hat. Ihren niemals enden wollenden Tatendrang und die Begeisterungsfähigkeit für jede noch so bescheuerte Idee. Es tut gut, einfach nur über Gott und die Welt zu reden. Wie war die letzte Reise? Hast du schon Pläne für den Sommer? Sieh dir mal diesen komischen Typen auf Tinder an!

Die Gesprächsthemen wollen ihnen nie ausgehen.

Und so sitzen sie stundenlang auf der alten Couch in ihrem Zimmer, reden, lachen, schmieden Pläne für die Zukunft. Genaugenommen weiß jeder im Raum, dass ein Großteil dieser Pläne niemals in die Tat umgesetzt werden wird – dafür ist der Alltag meist viel zu vollgestopft –, aber das ist okay. Ab und an macht es Spaß, ein wenig zu träumen und manchmal ist ohnehin alles, was man braucht, gute Gesellschaft. Wenn du die richtigen Leute um dich hast, ist es völlig egal, was ihr zusammen unternehmt oder an welchem Ort ihr euch befindet. Dann reicht es auch aus, zuhause eine Serie zu bingen, während man sich über alte Zeiten unterhält. Weißt du noch? Damals, als du auf dieser Geburtstagsparty dein Handy geschrottet hast? – Oh Gott, das war so peinlich!

Die Erinnerung daran bringt beide zum Grinsen. Wie schön es ist, sich so ungezwungen unterhalten zu können. Ohne Mühe. Ohne Angst vor unangenehmen Pausen und verkrampftem Smalltalk. Für einen Nachmittag leben sie in einer Blase, abgeschottet vom Rest der Welt. Es gibt nur sie beide. Zwei Freundinnen. Ein Team. Gemeinsam das Leben genießen. Es ist so selbstverständlich und genau deswegen so perfekt. Ein Moment für die Ewigkeit.

Insgeheim fragt sie sich oft, wie es sein kann, dass ausgerechnet sie so gute Freunde hat. Menschen, mit denen sie auf einer Wellenlänge ist und die ihr über so viele Jahre hinweg nie den Rücken gekehrt haben. Die Wahrheit ist: es sagt nichts über eine Freundschaft aus, wie häufig man sich sieht. Alles was zählt ist, dass man sich nie gänzlich aus den Augen verliert.

Und solange es so bleibt wie jetzt, ist alles gut.

Momente für die Ewigkeit

Comments (1)

  • Avatar

    Maren

    Huhu! Cooler Beitrag! Der gefällt mir wirklich richtig gut und mir sind auch gerade ein paar Momente eingefallen, die bei mir wohl auch für die ewigkeit bleiben :))) Da kommt einem automatisch das Lächeln ins Gesicht….aber es gibt ja leider auch traurige solcher Momente :(…aber naja, das gehört wohl leider dazu …..naja, aber man fokussiert sich auf die positiven :))) Ich wünsche dir schonmal ein tolles wochenende und sende ganz ganz liebe grüße aus’m wanderurlaub dolomiten ;)…Die Maren <3

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