Warum schweigen okay ist

Lange nichts mehr von dir gehört.

Tatsächlich? Ja, stimmt wohl. Die Tage verstreichen so schnell, sie rinnen durch die Finger, wie feiner, pulvriger, weißer Sand. Jeder Tag ist irgendwie gleich und doch ein bisschen anders. Manchmal sind es nur Nuancen, die sich voneinander unterscheiden. Spaghetti Bolognese zum Mittagessen, eine Whatsapp von der besten Freundin, der Lieblingsschal, der sich um deinen Hals schmiegt, weil draußen ein starker Wind weht. So ist das Leben. Und abends liegst du im Bett, ziehst dir die Decke weit über den Kopf und starrst durch einen kleinen Schlitz in die Finsternis. So lange, bis sich das menschliche Auge endlich an die Dunkelheit gewöhnt hat und schemenhafte Umrisse wahrnimmt. Gegenstände im Raum. Die Nachttischlampe, der Kleiderschrank oder der einsame Stuhl im Eck, der völlig zweckentfremdet und achtlos mit Klamotten bombardiert wurde. Schlaff und verknittert hängt ein T-Shirt von der Lehne. Zu dreckig für den Schrank, zu sauber für die Wäsche. Irgendwann schläfst du, mit dem Gedanken was du heute denn eigentlich geschafft hast, ein.

War es ein guter Tag? Hast du die ToDo-Liste abgearbeitet? Viel erlebt? Kontakte gepflegt?
Keine Ahnung.

Aber zwischendurch ist es ganz okay, dem Tag, der Woche, dem Monat seinen Lauf zu lassen. So wie es eben kommt. Ganz alltäglich. Gar langweilig. Diese Monotonie kann so beruhigend sein, denn von Anfang an ist dabei klar, was einen erwartet. Jeder Tag ist irgendwie gleich und doch ein bisschen anders. So hangelst du dich von Stunde zu Stunde. Die Email von Herrn Müller müsste noch beantwortet werden und eigentlich sollte die Broschüre für das Projekt schon längst fertig sein, doch jetzt gerade, in diesem Moment, ist es viel schöner, einen Kakao zu trinken, während der Radiosprecher im Hintergrund den Wetterbericht verkündet. Danach plärrt dir Miley Cyrus aus den Lautsprechern entgegen. Alles wie immer.

Warum schweigen okay ist

Die Leute fragen, was los ist. Warum du so still bist.
Nur so, lautet die ehrliche und direkte Antwort. Es gibt nichts zu berichten, nichts zu erzählen. Du hast keine Ahnung, was du sagen könntest und lässt es deswegen einfach bleiben. Kein Problem, so ist das Leben. Nicht alles kann ein großes, buntes Abenteuer mit Seifenblasen und Feuerwerk sein. Es ist okay, nichts zu sagen zu haben und manchmal tut es einfach gut, zu schweigen.

Lange nichts mehr von dir gehört.

Ja, das stimmt. Sorry. Aber gerade ist viel los. Dein Leben macht Purzelbäume. Jeden Tag erlebst du Neues. Momente, die du so schnell nicht vergessen wirst und die nachts deine Träume beherrschen. Es ist aufregend. Es ist ungewohnt. Warum sieht das Leben nicht immer so spannend aus? Schillernd und verheißungsvoll. Eigentlich kannst du es kaum erwarten, allen davon zu erzählen und jedes noch so kleine Detail zu teilen. In deinem Kopf tanzen die Worte und verknoten sich ineinander. Sie sehnen sich danach, ungefiltert rausgelassen zu werden – ans Tageslicht. Doch gleichzeitig fühlt es sich mehr als falsch an, jetzt mit den Gedanken abzuschweifen. Jeder einzelne Augenblick ist so kostbar, viel zu wertvoll, um verschwendet zu werden. Du willst jede Sekunde genießen und in dir aufsaugen, als würdest du nach einem langen Tauchgang an die Wasseroberfläche brechen und gierig nach Luft schnappen. Deine Lungen füllen sich mit Sauerstoff. Ein gutes Gefühl.

Die Leute fragen, was los ist. Warum du so still bist.
Es gibt eine Menge zu berichten, Neuigkeiten zu erzählen. Du hast keine Ahnung, wo du anfangen sollst und lässt es deswegen einfach bleiben. Kein Problem, gerade ist eben nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wie meinte Mama früher immer? Eins nach dem anderen. Es ist okay, erst das Erlebte ganz für sich alleine zu genießen und manchmal tut es einfach gut, zu schweigen.

Stille ist nicht langweilig. Nichts zu erzählen zu haben macht dich nicht uninteressant. Manche Momente nicht in Echtzeit teilen zu wollen ist verständlich. Und schweigen tut hin und wieder richtig gut. Irgendwann kommen die Worte ganz von selbst zurück.

Nur keine Eile.

Comments (10)

  • Avatar

    Leselaunen

    Ich kann Deine Gedanken durchaus nachvollziehen. Sehr schön geschriebener Text.

    Neri, Leselaunen

    Reply

    • Avatar

      Carolin

      Vielen Dank! :)

      Reply

  • Avatar

    Tabea

    Da schließe ich mich gern mal an: der Text ist toll. :)

    Mir hat letztens auch jemand vorgeworfen, dass ich gar nichts sagen würde. Dabei ist mir nur nichts eingefallen. Was mir im Kopf rumspukte, war so gemein, dass ich es nicht hätte sagen wollen…
    Auch, wenn ich mit Leuten streite, gehe ich meistens irgendwann unbewusst dazu über, nicht mehr zu reden. Vielleicht, um nichts schlimmer zu machen, vielleicht, weil es keine Auswirkungen hätte.
    Und dann sind da noch die vielen Momente, in denen das Leben zu viel ist. Da rede ich auch nicht…

    Generell schweige ich so viel, dass ich es dann auch richtig genieße, wenn ich mit Menschen rede. Gerade wenn man allein wohnt, hat man dazu ja weniger Gelegenheit… Und so wird es wieder was Besonderes, zu reden.

    Liebe Grüße

    Reply

    • Avatar

      Carolin

      Oha, da bin ich aber ganz anders. In Streitsituationen bin ich eigentlich immer am reden und muss alles ausdiskutieren, weil ich es ganz furchtbar finde, wenn man Probleme nicht beseitigt. In größeren Gruppen halte ich mich jedoch oftmals eher zurück und höre lieber den anderen zu.

      Reply

  • Avatar

    bknicole

    Ein toller Post meine Liebe.
    Ich kenne beide Szenarien, deshalb hast du mit deinem Beitrag voll ins Schwarze getroffen. Nachdem ich vor eingen Wochen noch etwas mehr Action hatte, befinde ich mich nun eher in der ersten Variante wieder. Alles hat sich nun etwas beruhigt, es passiert nicht ganz so viel, aber dadurch kann ich auch mal ausatmen und mir Zeit für mich nehmen, bevor es dann wieder stressiger wird und mehr passiert. Somit habe ich aber auch kaum was zu erzählen, was auch mal schön ist.

    Reply

    • Avatar

      Carolin

      Vielen Dank! :) Ich versuche in meinen persönlichen Texten ja immer Situationen zu beschreiben, mit denen sich jeder identifizieren kann. Umso besser, wenn das gelungen ist.

      Reply

  • Avatar

    Elisabeth-Amalie

    Was für ein schöner Beitrag, der mir mal wieder wie gelegen kommt und mir zeigt, dass es okay ist, sich ausbremsen zu lassen! :)

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

    Reply

    • Avatar

      Carolin

      Dankeschön! :)

      Reply

  • Avatar

    Jennifer

    Ein wirklich schooner Beitrag in dem ich mich sehr wiederfinden kann. Viele meiner Freundinnen erwarten taeglichen Whatsapp Kontakt und Austausch, aber mir ist das manchmal einfach zu viel. Manche Dinge moechte man ja wirklich erstmal sacken lassen fuer sich selbst oder manchmal gibt es wirklich einfach nichts besonderes zu erzaehlen. Ich verabrede mich dann lieber persoenlich wenn mir danach ist und plaudere dann ausgiebig und persoenlich mit den Leuten.

    Reply

    • Avatar

      Carolin

      Danke für deinen Kommentar! :) Ich schreibe zwar mit einigen meiner Freundinnen auch täglich auf Whatsapp, aber wenn es zwischendurch mal nicht so viel zu sagen gibt ist es auch kein Thema. Aber persönliche Gespräche sind sowieso die besten!

      Reply

Leave a comment

Coralinart Newsletter
Verpasse keine Neuigkeiten mehr und erhalte exklusive Freebies.  
No Thanks
Vielen Dank für die Anmeldung! Du hast eine Email zur Bestätigung erhalten.
Mit der Nutzung dieses Formulars erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten durch diese Website einverstanden.
Don't miss out. Subscribe today.
×
×