Was ist schon normal?

Normal.

Sechs schlichte, unaufgeregte Buchstaben. Zusammen ergeben sie ein Wort dessen Bedeutung vielfältig interpretiert werden kann und für jeden von uns eine andere Aussage hat.

Normal.

Ist das eine positive Eigenschaft? Etwas Erstrebenswertes? Oder liegt das Ziel der Menschheit darin, eben genau das Gegenteil von normal zu sein? Ein kleiner Teil in uns verzehrt sich insgeheim wohl immer nach der Aufmerksamkeit unseres Umfelds. Danach, aus der Masse herauszustechen und bewundert zu werden. Doch es darf ein gewisses Maß nicht überschreiten. Nur nicht zu sehr aus der Reihe tanzen.
Aber ich war schon immer das Kind, welches auf der Schaukel hoch hinaus wollte, während der Rest nur ganz zaghaft die Füße vom Boden hob. Noch mehr Schwung und mit der Zehenspitze den Himmel berühren. Kichernd. Und nochmal. Solange, bis oben und unten völlig verschwammen.

Eines Tages kommt schließlich der Punkt, an dem dir klar wird: alles dreht sich ständig nur darum, bestimmten Anforderungen und Idealen der Gesellschaft gerecht zu werden. Gelingt das nicht, werden die Leute dich schnell abstempeln, mit Skepsis oder Unverständnis behandeln. Nicht normal. Doch was ist die Definition von normal? Wer bestimmt, was dieses unscheinbare Wort tatsächlich vermitteln möchte? Ich habe noch nie allzu intensiv darüber nachgedacht. Mein Leben, so wie es jetzt gerade ist – das ist selbstverständlich. Kein Platz für weitere Überlegungen.

Und das ist auch gut so.

Was ist schon normal? Leben mit körperlicher Behinderung

„Hi Caro, ich liebe deinen Blog wirklich! Aber wieso beschreibst du dich auf deiner About Me-Seite eigentlich als ganz normales Mädchen?“

Diese Frage wurde mir vor ein paar Jahren von jemanden gestellt, der mich persönlich kennt, den ich sehr mag und auch schätze. Natürlich weiß ich, was diese Person damit meinte. Ich nehme ihr die Bemerkung keinesfalls übel, doch um ehrlich zu sein, irritierte sie mich. Wie sollte ich darauf reagieren?
„Ich weiß nicht“, meinte ich nur. „Ich finde mich ziemlich normal.“ Ein Achselzucken. Ein Schmunzeln. Dann war alles Wichtige gesagt.

Für Außenstehende mag es unvorstellbar klingen, aber ein Leben mit körperlicher Behinderung unterscheidet sich nur marginal vom Alltag anderer Menschen. Die Diagnose besteht lediglich aus drei Buchstaben. SMA. Drei Buchstaben, die vordergründig das ganze Leben beeinflussen, aber irgendwie auch nicht. Am Ende des Tages bin ich genau wie du. Die Gefühle sind die gleichen. Die Enttäuschung über eine abgelehnte Bewerbung, die wachsende Ungeduld, wenn auf Whatsapp niemand zurückschreibt oder der Nervenkitzel vor einer Reise in ein unbekanntes Land. Ist es nicht das, was eigentlich zählt? Und ja, vielleicht bin ich tatsächlich nicht normal. Wer weiß…

Aber dann frage ich dich: was ist schon normal?

Ist es normal keine Schuhe zu tragen, weil sie sowieso nur unbequem und überflüssig sind?

Ist es normal eine Ferienwohnung als erstes auf Stufen am Eingang abzuchecken?

Ist es normal der besten Freundin sagen zu müssen, sie darf nicht zu Besuch kommen, nur weil sie einen leichten Schnupfen hat und jede Erkältung im Krankenhaus enden könnte?

Ist es normal das eigene Smartphone nicht in die Hand nehmen zu können, weil es schlichtweg zu schwer ist?

Ja, das ist normal. Es ist sogar absolut alltäglich. In meiner Welt gibt es so viele Dinge, die auf den ersten Blick sonderbar erscheinen mögen, sich für mich jedoch völlig natürlich anfühlen. Weil ich so aufgewachsen bin, es nicht anders kenne. Stück für Stück habe ich mir mein Leben selbst zurechtgelegt, es mühsam zusammengesteckt, als wäre es ein bunter Haufen Legosteine. Jetzt, nach 21 Jahren, weiß ich endlich, welchen Bauklotz ich wo platzieren muss, damit ich an mein Ziel komme. Manchmal kann ich nicht geradewegs nach oben bauen. Nein, ich muss um die Ecke denken, wobei mein Legohaus zuweilen komische Formen annimmt. Aber es funktioniert ganz prima – für mich. Im Leben gibt es kein richtig und falsch, denke ich mir manchmal. Man muss es nicht verstehen, das wäre vielleicht zu viel verlangt, doch letztendlich hat alles seine Berechtigung.

Normal.

Sechs schlichte, unaufgeregte Buchstaben. Zusammen ergeben sie ein Wort dessen Bedeutung vielfältig interpretiert werden kann. Inzwischen ist mir jedoch Folgendes klar geworden: sollte ich für den Rest der Welt nicht ganz normal sein, dann habe ich kein Problem damit.

Was ist schon normal? Leben mit körperlicher Behinderung

Comments (15)

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    Nicole

    Meine Liebe, mal wieder so ein mutiger Post von dir und ich finde dich normal, denn gibt es etwas normalers als mit jemand anderem über seine Lieblingsserien auf Whatsapp zu diskutieren? Ich denke nicht :P. Aber auch sonst finde ich es genauso schade wie du, dass wir Menschen immer irgendeinen Stempel aufdrücken müssen. Dazu frage auch ich mich wer definiert was normal ist? Mit großer Sicherheit heute die Medien, die ja vorgeben wie wir auszusehen haben, was gerade angesagt ist etc., aber das ich das als Problematisch erachte habe ich auf meinem Blog ja schon mehr als einmal erwähnt.

    Letzten Endes ist in meinen Augen eh jeder etwas Besonderes und das auf seine ganz eigene Art ;). Und lass dir niemals einreden du seist nicht normal, das ist quatsch.

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      Carolin

      Vielen Dank! Und ja, da hast du absolut recht. Gibt einfach nichts schöneres, als sich mit jemanden austauschen zu können, der die gleichen Leidenschaften hat, wie man selbst! :D Ich wollte mit diesem Beitrag nur verdeutlichen, dass nicht alles, womit man im Alltag eventuell nicht so viel in Berührung kommt, automatisch komisch ist.

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    Miss Bluejay

    Ein unfassbar starker und gut geschriebener Post zu einem Thema, welches mich auch viel beschäftigt. „Normal“ sein, Erwartungen der „Gesellschaft“ erfüllen. Sich anpassen (wem eigentlich?). Es ist alles so subjektiv. Jeder von uns lebt in seiner kleinen engen Welt mit Vorstellungen, Erwartungen und „Normalitäten“ und empfindet alles was davon abweicht im besten Fall als irritierend, im schlimmsten Fall als bedrohlich, oder lächerlich ohne zu merken, dass hinter dem allermeisten was nicht „normal“ scheint ein Mensch wie du und ich lebt der einfach nur anders aufgewachsen ist, andere Voraussetzungen hatte und andere Erfahrungen gemacht hat als wir.

    Ich jedenfalls danke dir für deine Gedanken. Sie haben mich ein weiteres Mal zum Nachdenken gebracht!

    Liebe Grüße, Miss Bluejay

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      Carolin

      Dankeschön, es freut mich sehr, dass dir mein Text so gut gefällt und ich damit einen Nerv bei dir treffen konnte. Ja, der Begriff „Normal“ ist tatsächlich sehr subjektiv. Allerdings gilt das wohl nicht nur für Leute wie mich. Man braucht sich beispielsweise nur einmal die Schönheitsideale und kulturellen Unterschiede in anderen Ländern ansehen, um zu begreifen, wie unterschiedlich jeder von uns ist. Das Wort „Normal“ bzw. dessen Definition ist daher extrem schwammig.

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    Miss Lisbeth

    Liebe Carolina,

    ein sehr toller Beitrag und ich weiß was du meinst. Ich selbst lebe mit einer körperlichen Behinderung und muss auch aufpassen, dass meine Freunde gesund sind, wenn sie mich besuchen kommen. Ansonsten gestaltet sich mein Alltag auch normal, bis auf die Tatsache, dass ich vielleicht nicht ganz so belastbar bin (habe einen angeborenen Herzfehler und eine künstliche Herzklappe) und keinen Hochsport machen sollte. ;-) Aber ich lebe alleine, übe meinen Beruf täglich aus (auch wenn nicht mehr in Vollzeit) und unternehme verschiedene Dinge. So wie du also auch. Ich finde es klasse, dass du darüber hier berichtest! Mach weiter so! Nur die Harten (Starken) kommen in den Garten. ;-)

    Liebe Grüße,
    Miss Lisbeth.

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      Carolin

      Danke! :)
      Manchmal ist es schon doof, wenn man im Winter monatelang die Öffentlichkeit meiden muss, weil die Ansteckungsgefahr einfach zu groß ist. Und ab und an komme ich mir auch ein bisschen unhöflich vor, wenn ich mal wieder eine Verabredung absagen muss, weil die Person einen leichten Husten hat. Aber es muss eben sein.
      Ich wünsche dir ebenfalls alles Gute für die Zukunft! Wir sind ja zäh, nicht wahr? :D

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    Maikie Makakie

    Mega guter Post !
    ich habe aufgehört, mir gedanken darüber zu machen, ob „normal“ gut oder schlecht bedeutet, oder wie es definiert ist. alles ist irgendwie wie es ist und hat besonderheiten und das wrt „normal“ habe ich fast aus meinem Wortschatz gestrichen :D

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      Carolin

      Das ist genau die richtige Einstellung! :)

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    Jana

    Sehr schöne Worte, meine Liebe :) Bis vor Kurzem wusste ich nicht mal von deiner Krankheit und habe dich schon immer als „ganz normales Mädchen“ gesehen. Mach weiter so und bleib so wie du bist ♥

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      Carolin

      Dankeschön! :)

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    Leselaunen

    Toller Text. Sehr schön geschrieben!

    Neri, Leselaunen

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      Carolin

      Danke!

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    Tabea

    Liebe Carolin!

    Das Wort normal geistert in meinem Leben auch immer mal wieder rum. Allerdings gehöre ich selten zu den „normalen“ Leuten, weil ich einfach ein bisschen anders ticke.
    Ich finde aber, die Beschreibung auf deiner About Seite passt trotzdem -eben weil du eben genauso toll bist, wie Menschen ohne Behinderung auch. Wahrscheinlich ist normal einfach Ansichtssache.

    Liebe Grüße

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      Carolin

      Ich denke ja, es ist überhaupt nicht schlimm, wenn man bei manchen Sachen etwas anders tickt. Wäre doch auch irgendwie langweilig, wenn alle gleich wären. Und danke für das Kompliment! :)

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    Claudia

    Liebe Carolin, Du hast hiermit einen wundervollen Text geschrieben! Deine Gedanken und Gefühle zum „normal sein“ (was auch immer das ist…für jeden individuell) sind toll ausgedrückt und regen zum Nachdenken an. Vielen vielen Dank!
    Liebe Grüße, Claudia

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